Don Alphonso schrieb kürzlich über sein Wackersdorf-Erlebnis; das hat dann doch ein paar uralte Erinnerungsfragmente geweckt. Kindheit in Schwandorf und so; leider mit weit weniger Action und weit beschaulicher, als es bei Don Alphonsos Erinnerungen der Fall ist. WAA NIE! gehörte jedenfalls, ohne dass meine Eltern da direkt Einfluss genommen hätten, zu den allerersten Sachen, die ich schreiben konnte.
Beim rückwirkenden Romantisieren erinnere ich mich auch daran, dass andere, etwas ältere Kinder, die von ihren Eltern mitgenommen wurden, auch mal in den Kessel gerieten oder auch mal einen Wasserwerfer oder etwas Reizgas abbekamen. Ich selbst durfte aber nie mit zum Demonstrieren, nicht mal in der Stadt selbst, und als mein Bruder mal ein Stück Stacheldraht vom Zaun mitbrachte war das sehr, sehr schnell wieder verschwunden. Sicherer, verantwortungsvoll und vernünftig von meinen Eltern; aber irgendwie wäre es doch erfrischend ungewöhnlich, wenn ich mich schon mit sechs mit Polizisten geprügelt hätte oder zumindest vor ihnen weggelaufen wäre.
Ein einziges mal, als der fiese Strauß persönlich vorbeikam, um eine Rede in einem Sportstadium zu halten, waren wir dann doch dabei und durften nach Herzenslust “Strauß raus” rufen. Eigentlich wollte ich auch so ein nettes “Stoppt Strauß”-Schild, aber irgendwie wurde die enzige sichtbare Verkäuferin von zwei Polizisten weggeschleppt, außerdem wollte meine Mutter es glaube ich auch nicht übertreiben. Irgendwann mussten wir dann nach Hause, damit ich rechtzeitig für die Schule (ich muss damals in der ersten Klasse gewesen sein) ins Bett kommen konnte; an der Straßensperre ließen uns die Polizisten dann durch, ausnahmsweise. Wahrscheinlich, weil auch Oberpfälzer Angst bekommen, wenn man auf Oberbayerisch1 schimpft; vielleicht aber auch, weil wir nicht ganz in ihre Zielgruppe gepasst haben. War ja auch nicht Wackersdorf, und einen Wasserwerfer hatte sie auch nicht dabei, da kann man auch als genervter Polizist mal nett sein.
Vor zwei Jahren entdeckte ich hier in Kaiserslautern auf einem Stromverteilerkasten noch einmal das vetraute WAA NIE!, schnell hingesprüht, wie früher. Ein Überrest aus einer alten Zeit oder das Werk absurder Retro-Sprayer, wer weiß das schon. Was bleibt sind Erinnerungen und ein Liederbuch mit Anti-AKW-Liedern (“Ein Loch ist im Zaun”, etc.). Wir sehen also – meine 80er-Jahre Kindheitsnostalgie muss sich nicht auf Fernsehserien beschränken.
1 Das scheint ein Instinkt zu sein, den man auch bei rheinhessischen Polizisten beobachten kann. Leider, leider habe ich ja weder merklichen Akzent noch Dialekt, so dass mir dieser Vorteil verwehrt bleibt2. Mein Vater meint ja, dass in richtigem Bayerisch eine gewisse herzliche Gewaltbereitschaft unterschwellig mitschwingen muss; leider sind wir viel zu früh in die falsche Gegend umgezogen. Und seien wir mal ehrlich, gesprochenes Rhoihessisch klingt vor allem nach zu viel Wein und Fröhlischkeit der unangenehmen Sorte. Ah, süße Vorbehalte.
2 Denkt aber nicht, dass ich kein Bayerisch verstehe. Ich kann’s zwar nicht sprechen (also, nur mit dem schmerzhaften Akzent, den die depperten Preißn haben, wenn sie denken, sie könnten’s); aber ich versteh’s. Fast immer.
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