Das Leben als elitärer Promotionsstudent ist weit härter, als ich es vom Diplomstudiengang gewohnt bin. Entgegen den Vorstellungen gewisser Leute bin ich auch weder häufig betrunken, noch oft am Strand; tatsächlich war das am Sonntag der dritte Strandbesuch (nicht in meinem Leben, sondern in meiner Zeit in Spanien Katalonien, klar).
Inzwischen füllt sich die Stadt merklich mit Touristen, so dass Rumäne Nr. 2 spöttisch so etwas wie1 “Guck mal, die da gleich nebenan sind noch bleicher als Du.” anmerken konnte. Später, als ich alleine zurückblieb während die anderen im Meer waren2 und mit meinem Brillenbügel im Sand einen Beweis skizzierte, hörte ich dann, dass die Bleicheren ebenfalls Deutsche waren und sich über “den Engländer” unterhielten, der da im Sand Skizzen machte.
Und das, werte schweigende Massen, war schon fast lustig — mein Akzent ist nun wirklich vieles, aber gewiss nicht mit britischem Englisch zu verwechseln. Zwei Monate in Spanien, und schon erkennen einen die eigenen Landsleute nicht mehr.
Apropos! Das erinnert mich an folgende Konversation, die ich vor anderthalb Wochen auf dem Weg nach Deutschland mitanhören musste (Handelnde: Das beiden alten Leute, die mit angeschalteten Handys durch die Sicherheitskontrolle liefen und der Typ aus Kaiserslautern, der mit fast jedem anderen Deutschen in der Wartehalle ein Gespräch anfangen wollte und jedesmal erwähnen musste, dass er keinen Führerschein hat):
“Aber die Angela Merkel, die wird da nix ausrichten können. Der Schröder, der ist so ein richtiger Schaumensch, ein Schaumensch, ja!”
“Ja, aber der Schmidt, der war ein guter Bundeskanzler, ein guter Bundeskanzler, nö!”
“Der ist auch von seiner eigenen Partei abgeschossen worden, abgeschossen worden! So ein guter Politiker.”
“Jaja! Genau! Ich gehe jetzt mal weiter.”
Einer unserer Profs hat mich mal für einen Neuseeländer gehalten, wegen meines Akzents und weil auf meinen T-Shirt “Maui” stand. Verwirrend, nicht wahr?
1 Auf Englisch, natürlich. Das ist wichtig.
2 Doch doch, ich war auch im Wasser, nur vorher. Dreimal war mir genug.
Werte schweigende Massen, es folgt ein überaus schlechtes Wortspiel, für das man Englisch können muss und auch mal was mit Rekursions- oder Komplexitätstheorie zu tun gehabt haben sollte. Dafür habe ich mir das aber auch selbst ausgedacht, was es nicht besser, aber persönlicher macht.
Ich nach der Vorlesung von gestern zum Rumänen Nr. 2:
If you annoy me again I’ll consider sets A and B, subsets ρ of A and π of B and a computable function f from A into B, such that x in ρ if and only if f(x) in π. You know what we’ve got then? ρ many-one-reduced to π.
Wenn man das nun wirklich verstehen will, spricht man es am besten laut und genuschelt aus und denkt daran, wem ich das erzählt habe. Gell, der ist so richtig schlecht.
Fanden die Rumänen auch und bezeichneten dann den Humor der Engländer als überschätzt.
Nachtrag: ρ ist ein rho, π ein pi. Bitte Englisch aussprechen. Na, jetzt?
Um ganz ehrlich zu sein, haben bisher weder meine Spanisch-, noch meine Katalonisch-Kenntnisse nennenswerte Fortschritte gemacht. Fast immer genügten die wenigen vertrauten Vokabeln, ein verzweifelter Gesichtsausdruck und eine mutige Umdeutung der Aussprache einiger mir bekannter lateinischer oder französischer Vokabeln.
Leider war das am Sonntag nicht genug, um zu erfahren, wo genau in Reus (der Stadt beim Flughafen) am Busbahnhof der Bus nach Tarragona (der Stadt, in der ich wohne) abfährt. Ausgeschildert ist da nämlich nix, und der alte Mann, der im Inneren des bedrohlich verfallenden Gebäudes herumsaß war zwar hilfsbereit, aber des Spanischen weit mächtiger als ich und nicht gerade in der Lage, seine Antwort erdferkeltauglich zu formulieren (Fingerzeigen ist zwar deutlich, wenn man aber fünf Sätze dazupackt wirkt es eher irritierend. Aber vielleicht hat er mich auch nur bemitleidet oder verspottet). Allerdings konnte ich den Fahrplan lesen und so rausfinden, dass der nächste Bus erst in knapp einer Stunde fahren würde, denn sonntags fahren die Busse stündlich und ich hatte den vorigen dank des Shuttlebusses vom Flughafen um 10 Minuten verpasst.
Übrigens scheinen die Jugendlichen in Reus gänzlich anders als in Tarragona gekleidet zu sein, am irritierendsten waren die Schulmädchenfetischoutfits zweier Teenager (Catalunya-Ganguro — keine Fotos hier, weil ich die beiden sie begleitenden Typen in Hip-Hop-Gangsta-Outfit nicht verärgern wollte). Wahrscheinlich sind um eins nur Bekloppte und Ausländer unterwegs — jedenfalls wurde mir die Warterei zu doof, so dass ich zum Bahnhof aufbrach, um einen Zug zu nehmen. So stellte ich fest, dass Reus ganz nett aussieht, und dass auch ich wider Erwarten in einer vollkommen fremden nicht gerade kleinen Stadt mit nur zwei Blicken auf aushängende Karten einen den Bahnhof finden kann, ohne mich zu verlaufen; ein für mich bisher unbekanntes, erhebendes Erlebnis.
Laut einem meiner rumänischen Kollegen ist Reus übrigens die Geburtsstadt von Gaudi; ich gebe diese Information hier einfach ungeprüft wieder — aber wahrscheinlich müssen die meisten von Euch sowieso nachschlagen, wer Gaudi war, und können dieses Detail bei der Gelegenheit gleich überprüfen. Erwischt, hm?
Einen Pizza Hut haben sie übrigens auch, einen der beiden in dieser Region.
Wegen der Raumnot in der Uni mussten unsere Arbeitsgruppe schon vor langer Zeit auf ein absonderliches Gelände im Industriegebiet außerhalb ausweichen, das überwiegend von Schülern und Berufsschülern genutzt wird (mein Catalan reicht aus, um einen Aushang als Hinweis auf Informationsveranstaltungen für zukünftige Friseusen, Apothekerinnen und Zahnarzthelferinnen einzuordnen) und neben uns auch eine Schule für Behinderte sowie zwei oder drei Startups beherbergt. Stellenweise wirkt das recht verlassen:

Lustiger ist hingegen der Frachthafen am Ende des Weges durch das Gelände, den ich durch ein ankerndes Transportschiff zum ersten Mal bemerkte. Ein großes ankerndes Schiff, aus dem eine Armee von Autos entladen wurde. Leider hatte ich an dem Tag keine Kamera dabei, so dass Ihr Euch mit diesem mehr oder weniger militärisch aussehenden Schiff begnügen müsst:

Das Meer kann man (wegen Zäunen, Straßen und Hafen) von dort aus leider nicht zu Fuß erreichen; sonst hätte ich vielleicht mehr Freude an den überlangen spanischen Mittagspausen, die zwar zu lang für einen Kaffee samt Mittagessen, aber doch zu kurz für konzentrierte Arbeit sind.
Letzte Woche war ich zum ersten und bislang einzigen Mal am Strand, der ganz nett aussieht und knappe 20 Minuten Fußweg vom Wohnheim entfernt vor sich hinsandet. Die haben das hier ganz elegant gelöst — erst läuft man die ganze Zeit durch die Stadt, dann kommt man an eine Art Balkon, von dem aus man nette Fotos machen kann, zum Beispiel das hier (Klicken vergrößert):

“Ganz nett”, mag mancher meinen, “also bist Du die ganze Zeit am Strand?”. Doch wie schon eingangs erwähnt: Mitnichten, und auch wenn selbst einer wie ich, der ich doch dem destillierten Sonnenlicht nicht gerade wohlgesonnen bin, den Reiz dieser Kulisse zu schätzen weiß, so rauben doch die Vorlesungen Zeit und Energie. Zum Beweis ein Stapel Papier:

Dies sind die Unterlagen der ersten 4 oder 5 Wochen; ohne den Kram dieser Woche. Dies ist besonders schade, da die Dozentin der Vorlesungen von Freitag und Samstag für ihre 10 Stunden doch glatt ein Skript von 127 Seiten (plus acht Seiten Inhaltsverzeichnis, Vorwort etc.) geschrieben hat, was den Stapel noch ein wenig aufblähen dürfte. Die Doktoranden der älteren Jahrgänge, die den Einführungskurs bereits hinter sich haben und frei und ungestört forschen dürfen, versicherten mir, dass wir Ende Juli ungefähr die fünf- bis sechsfache Menge an Papier haben dürften. Bäume, wehrt Euch gegen die Eliten-Förderung!
Im Vordergrund erkennt man eine Packung des durch und durch empfehlenswerten Kaugummis, den ich zu meinem neuen Lieblingskaugummi erkoren habe (Geschmacksrichtung Strawberry Lime oder lime strawberry oder so), doch auch sein Gefährte Vanilla Mint ist nicht zu verachten.
Später, nach dem Abendessen, werde ich ausstehende Mails beantworten und vielleicht noch ein wenig mehr erzählen. Wie ich gehört habe, soll das Wetter in Deutschland jetzt auch besser sein; vielleicht wachsen da auch bald Palmen.
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Comments
Fri, 19.12.2008 11:02
Ich bin schon bald eine Woche lang wieder da, hatte und habe aber viel zu tun.
Wed, 17.12.2008 09:47
Dafür haben wir hier britische Suppe. Wann kommst du wieder?
Tue, 16.12.2008 09:20
Ich weiß leider nicht im Detail, wie eine solche Regel arbeiten soll (und gerade keine Zeit, um nachzulesen). Aber wie [...]
Mon, 08.12.2008 00:30
Was nicht viel nutzt, denn ich bin eh viel drinnen, aber nett ist das trotzdem.
Sun, 07.12.2008 23:27
Oh, auch gut. Halte ihn in Ehren und behandle ihn gut! Er hat eine gewisse Vorgeschichte, denn vor mir gehörte er einem, [...]