Die, die es kümmert, wissen es wohl schon: Joseph Weizenbaum ist tot.
Wieder einmal werde ich schmerzlich daran erinnert, dass ich seinen Vortrag in Kaiserslautern damals um lediglich rund zwei Jahre verpasst habe und später nie daran dachte, ihm mal nachzureisen, aber mehr noch betrübt mich, dass die meisten Informatikstudierenden noch nie von Weizenbaum gehört haben. Ich will nun nicht unterstellen, dass das daran liegt, dass viel zu viele ihr Studium unreflektiert herunterreissen um sich im Anschluss daran umgehend kritiklos in die Herde der Ingenieursbolzen und Technozombies einzureihen, statt gelegentlich einmal ein wenig differenzierter zu denken, doch ganz ausschließen kann ich es nicht.
Aber wer könnte es ihnen auch übel nehmen, schließlich ist die profundeste Frage zum Selbstbild der Informatik die, ob man nun Ingenieurs- oder Naturwissenschaft ist; und selbst diese wird meist nur gestellt, um ein wenig gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe anzugehen (gut, dass man sich einig ist, wenigstens keine Geisteswissenschaft zu sein).
Weizenbaum war anders, und selbst wenn macher ihm Übertreibungen, eine simplifizierende Gesellschaftskritik oder ähnliches vorwerfen mag und jede seiner Thesen durch und durch ablehnt, so muss man ihm zumindest zugestehen, dass er weit reflektierter nachdachte als viele seiner Kollegen und von Grund auf ehrlich war. Als viele damals von seinem Programm ELIZA viel zu sehr beeindruckt waren und es in ihrer Ahnungslosigkeit weit überschätzten erschrak er, statt, wie viele andere es getan hätten und heute noch tun würden, laut “Jawoll! Und in zehn Jahren haben wir eine echte KI!” zu rufen und haufenweise Fördergelder einzusacken1; schon dafür gebührt ihm mein tiefster Respekt.
Ich finde, dass jeder Informatiker, der sich guten Gewissens als Akademiker bezeichnen will, zumindest einmal über Weizenbaums Thesen nachgedacht haben sollte, am besten bei der Lektüre seines Buchs Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft[2].
Ich schließe mit einer leichteren Note, meinem Dialog mit der oben verlinkten Instanz von ELIZA:
Eliza:>Hallo, ich bin Eliza. Erzähle mir von Deinem Problem…So kann man es natürlich auch ausdrücken.
Ich:> Joseph Weizenbaum ist tot.
Eliza:> Oh !
Fußnoten:
1 Ich verzichte an dieser Stelle auf eine kleine Abhandlung über den Unterschied zwischen KI-Scharlatanen, die wissen, welche falschen Versprechen sie machen, und Utopisten, die ihre hoffnungsvoll erwarteten Unmöglichkeiten wirklich glauben. Allerdings will ich klarstellen, dass es in der KI durchaus seriöse und ehrliche Wissenschaftler gibt, die die vorhandenen Probleme klar sehen und benennen, und außerdem kriegt man glücklicherweise nicht mehr für jeden gewagten, irrealen Plan Unsummen verschwendeter Mittel.
2 Kaiserslauterer Informatiker: Dieses Buch (und andere) stehen in der Informatik-Bibliothek, das ist das komische Ding über dem Bistro in Gebäude 36 (falls es das noch gibt), den Weg dort hin findet Ihr gewiss, im Notfall kann Euch jemand helfen.
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Comments
Fri, 21.11.2008 09:47
Hm, NS darf man aber auch nicht vom Anfang lesen; die Hälfte der Sachen hat keine oder nur total obskure Pointen, da [...]
Fri, 21.11.2008 09:12
xkcd hatten wir erst letztens auf dem IRC (NS scheint hingegen Lichtblicke zu haben): A: Ich weiß nicht, ob man einen [...]
Thu, 20.11.2008 22:12
Aber dabei wurde doch nicht Siegnifried gelöwt, sondern Roy? Deswegen ist der doch auch viel kleiner? (Look at him!)
Thu, 20.11.2008 12:02
Das Pac Man-Teil ist sehr Viz. “Signified” ist inzwischen eher geschmacklos, wo doch der eine von denen vom Tiger [...]
Wed, 19.11.2008 17:19
Höhö: http://letmegooglethatforyou.c om/?q=%22Dude%2C+let+me+in.%22