Einer der meiner Meinung nach interessantesten Informatikpioniere überhaupt war E. W. Dijkstra. Mal ganz abgesehen von seinen Leistungen als Wissenschaftler bewundere ich ihn für die unglaubliche Menge an netten Zitaten, die nicht nur eigentlich immer zu meinen Ansichten kompatibel, sondern meist auch noch sehr nett formuliert sind. Wie zum Beispiel dieses hier:
The required techniques of effective reasoning are pretty formal, but as long as programming is done by people that don’t master them, the software crisis will remain with us and will be considered an incurable disease. And you know what incurable diseases do: they invite the quacks and charlatans in, who in this case take the form of Software Engineering gurus.(Dijkstra in EWD1305, Betonung von mir)
Wie ich vorher erst entdeckte gibt es Bemühungen, seine Schriften zu indizieren und zu digitalisieren, inzwischen ist bereits eine beachtliche Sammlung zusammen gekommen. Interessant sind vor allem auch seine eher philosophischen0 Ansichten über Aufgaben, Richtung und Sinn der Informatik und ihre Wichtigkeit bzw. Unwichtigkeit (!) für die Wirtschaft. Gerade den Software-Ingenieuren1 unter meiner Leserschaft rate ich dringend, von Nr. 1305 den Zitaten in die Vergangenheit zu folgen und das gefundene zu überdenken. Wem glaubt Ihr mehr, den laserpointerschwingenden Softies aus dem Schwafelinstitut oder Dijkstra?
Via den Ausdrucken von EWD1305 an der Wand neben der Tür eines Büros eines Mitarbeiters von Madlener, die ich auf das Ende von Anikas Prüfung wartend gelesen habe.
0 Oder auch meta-wissenschaftlichen bzw. meta-informatischen, das kann man nennen wie man will.
1 Software-Ingenieur: Wirtschaftswissenschaftler, der sich als Informatiker tarnt, um leichter an Drittmittel zu kommen. Malt gerne Diagramme und eignet sich gut als Stichwortgeber für Bullshit Bingo .
#1 - c.fe said:
2005-02-25 19:35 - (Reply)
Irgendwie fühl’ ich mich angesprochen. Und es wird ja sonst wahrscheinlich keiner in die Bresche springen…
Erstmal wäre es bei solchen Zitaten ja nett, wenn sie nicht aus dem Zusammenhang gerissen wären. Besonders interessant: Wann wurde dieses Zitat getätigt(?)?
Ich frage mich außerdem, was er genau als Gegenvorschlag anbietet. Es scheint ja so, dass er möchte, dass alle Programmierer die Techniken des effective reasoning meistern. Was meint er genau damit?
Es stellt sich natürlich weiterhin die Frage, ob man mit diesen Ansprüchen überhaupt genügend Programmierer zusammenbekommt.
Alles in allem habe ich nicht das Gefühl, dass die SE-Profs bei uns besondere Abneigung gegenüber Formalismen haben. Ich habe von drei Profs Vorlesungen mit bekommen und in jeder kam das Hoare-Kalkül vor. Es gab’ ‘nen bißchen JML beim P. Und ein seltsames Verfeinerungskalkül beim R.
Un zu Letzt halte ich es auch für fragwürdig SE für eine große Verschwörung anzusehen und alle Beteiligten für drittmittelheischende Dummschwätzer und Betrüger.
c.fe
#1.1 - Erdferkel said:
2005-02-25 23:32 - (Reply)
c.fe, die Diskussion wäre deutlich einfacher, wenn Du den verlinkten Artikel aus dem das Zitat stammt lesen würdest. Unten steht das Datum (2000, zwei Jahre vor seinem Tod), auf Seite 2 ist die zitierte Stelle, und direkt darüber steht der von Dir verlangte Kontext – genau so, wie Dijkstra es selbst rumgeschickt hat, nur abgetippt. "Hier":http://www.cs.utexas.edu/users/EWD/ewd13xx/EWD1305.PDF kannst du sogar den Scan des handschriftlichen Originals sehen. Im Endeffekt tritt er für komplett verifizierte Software ein, auch wenn der Preis dafür einfacherer Code ist (EW1304). Natürlich kriegt man dafür auf absehbare Zeit nicht genug geeignete Programmierer zusammen, die passenden Methoden müssen erst noch entwickelt werden – aber Geblubber und irgendwelche albernen Rituale lösen das Problem auch nicht (die Formulierungen nach dem Gedankenstrich sind, offensichtlich, von mir; sinngemäß findest Du das so in den erwähnten Artikeln und ihrer transitiven Hülle).
Die Scharlatane und Blender jammern auch über die bösen, bösen Programmierer, die die überlegene Macht ihrer heiligen Entwurfs- und Enwicklungsmethoden nicht verinnerlichen wollen. Sicherlich bekennen sich gewisse Leute immer wieder zu formalen Methoden – aber warum kommt davon in den entsprechenden Publikationen so gut wie nie etwas an? Schau Dir doch zB mal die Veröffentlichungen in der AGSE an… Interessant ist auch, dass sie zwar immer wieder mal das Hoare-Kalkül in Vorlesungen ansprechen, im Alltag dann aber doch bei ihren Fallstudien und Generierungstools rumgammeln. P-H ist insofern ein Sonderfall, der ist in dieser Diskussion eher ein Kollateralschaden. Er versucht wenigstens in die richtige Richtung zu laufen (auch wenn er über seine eigenen Füße und diverse Mitarbeiter stolpert) und hat sich selbst bei diversen Gelegenheiten vom Rest seines Lehrgebiets abgegrenzt. ("Ach, sie sind mit R. in einem Schwerpunkt?" "Naja, schwer ist nur eine Hälfte." // "Nein, wir machen kein SE, wir machen Softwaretechnik!")
Und ich bleibe dabei – zumindest R. und seinesgleichen sind ein Klumpen von Blendern, die sich gegenseitig hochloben. Ähnlich wie die KI bis in die 90er politisch ungewöhnlich viel und wissenschaftlich weit weniger als versprochen (wohl aber gleichzeitig weit mehr als SE) geleistet hat. Wenn Du das eine Verschwörung nennen willst, meinetwegen. "Langfristiger Hype" dürfte es wohl besser treffen… Und gut, sicherlich wollen sie nicht nur Drittmittel, wahrscheinlich geht es Ihnen auch um Ansehen, Einfluss und C3/C4/W2/W3-Stellen.
#1.1.1 - Erdferkel said:
2005-02-25 23:39 - (Reply)
Oh, der Fairness halber: Natürlich sind nicht alle Blender, bestimmt sind auch haufenweise Geblendete darunter, die den ganzen Krempel wirklich glauben. Die mögen aus durchaus noblen Motiven handeln, sollten aber mal daran denken, ihre Methodik tiefgehend zu hinterfragen. ;-)
#1.1.2 - schnubbi 2005-02-26 08:20 - (Reply)
"Im Endeffekt tritt er für komplett verifizierte Software ein, auch wenn der Preis dafür einfacherer Code ist (EW1304)."
Komplette Verifikation wäre natürlich großartig (auch da gibts Prozessmodelle, z.B. Cleanroom SE, gerade nur nicht so "in").
Aber auch vollständige Verifikation nimmt einem Design-Entscheidungen nicht ab. Wartbarkeit und Änderbarkeit bei wechselnden Anforderungen liefert sie nicht mit. Bliebe immer noch viel von dem zu tun, was sich die "SE-Gurus" auf die Fahnen schreiben.
Man kann natürlich kritisieren und für heiße Luft befinden, was die SE-Leute einem als Lösung zu verkaufen versuchen.
Die Kritik die ich oft höre ist aber dahingehend, dass man die Probleme nicht ernstnimmt, bzw. sich als nicht zuständig erklärt, a la "da sollen sich Wiwis und/oder die Industrie drum kümmern". Das ist dann wohl eher der alte Streit Grundlagenforschung vs. angewandte Forschung…
#1.1.2.1 - Erdferkel said:
2005-02-26 10:02 - (Reply)
Das ist in der Tat ein interessanter Gesichtspunkt über den ich noch weiter nachdenken werde. Vielleicht sehe ich das ganze wirklich massiv zugunsten der Grundlagenforschung verrückt und polemisiere zu sehr gegen Anwendungsforschung. Vielleicht könnte man, mit rigorosem Kürzen und statistisch verwertbaren Fallstudien (anstelle von "wir haben das mit 5 Studenten im Praktikum ausprobiert) wirklich mehr aus dem Gebiet rausholen, vielleicht steckt da auch mehr drin, als in dem ganzen Lärm zu sehen ist.
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Das Erdferkel schreibt untechnischen Meta-Wissenschafts-Content, und ich merke, wie das Ende des 20. Jahrhunderts mit meinem Studium überlappt, und viele Erinnerungen nostalgisch in mir hochschwappen. Vielleicht wärs doch was gewesen, an der Uni zu ble
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