Apple bietet ja nun seit etwa einer Woche endlich die Möglichkeit, Programme auf den iPod touch (bzw. das iPhone) zu laden, und schon gibt es die erste Datenschutzaffäre. Eines der wenigen erträglichen kostenlosen Spiele ist Aurora Feint, ein Verwandter von Crack Attack mit (in der aktuellen Version verbuggten) Rollenspielelementen und dazugehörender Community.
Meldet man sich bei eben dieser an (was man tun sollte, da das die einzige Art ist, absturzsicher den Fortschritt in diesem verbuggten Spiel zu speichern), so versucht das Programm, bereits angemeldete Bekannte aufzuspüren — indem es den Inhalt des Adressbuchs an den Server schickt und dort die Mailadressen und Telefonnummern auswertet.
Argh.
Besonders pikant ist hier also, dass man hier nicht seine eigenen Daten verschenkt (Deine Daten, Deine Entscheidung), sondern die aller Bekannten, und man wird nicht einmal gefragt oder informiert.
Nun glaube ich den Entwicklern sogar, dass sie nicht in böser Absicht gehandelt haben und die Daten nicht speichern. Momentan hat Aurora Feint aber noch das Potential, eines der beliebtesten iPhone-Spiele zu werden und eine große Community aufzubauen. Der nächste Schritt wäre dann der Einstieg von Investoren, und spätestens dann wird das düster.
Ich finde es zutiefst bedenklich, dass es so einfach ist, ganze Adressbücher zu verschicken. Im Endeffekt werde ich wohl doch den iPod jailbraken und auf Open Source umsteigen — aber das hilft natürlich nichts gegensorglose Bekannte. Andererseits muss ich natürlich zugeben, dass Datamining auf einer Sammlung von Adressbüchern (und Anruflisten, vielleicht auch Mails?) herrlich aufschlussreich sein dürfte. Unethisch, aber sehr interessant. So oder so, die Situation ist düster, und mit der wachsenden Rechenkraft und Verbreitung der Telefone wird sie düsterer und düsterer.
Inzwischen hat Apple übrigens die aktuelle Version aus dem App-Store entfernt, und die Entwickler versprechen, dass die neue Version (die seit bald einer Woche von Apple begutachtet wird) nicht nur stabiler läuft, sondern auch das Adressbuch verschlüsselt überträgt. Über das prinzipielle Problem denken sie noch nach.
Zwar hasse ich Fans, denn Fans sind Slans (nur ohne die coolen Kräfte); doch in der Hoffnung, aktuellste Spoiler zu bekommen, sah ich neulich — schlaflos — beim Doctor Who Forum vorbei — beim englischsprachigen, diesem Spin-Off der verstorbenen Fanseite Outpost Gallifrey, nicht bei diesem deutschen Wrack, das in seiner schrecklichen Bräsigkeit nur vom gleichsprachigen Podcast übertroffen und von mir auch mit keinem weiteren Wort gewürdigt wird.
Doch, ach! Selbst um zu lesen, benötigt man ein Account,
für die Registrierung muss man ungewöhnlich eklige Captchas überwinden (ich war nüchtern und brauchte trotzdem vier Versuche),
man darf keine Freemailer-Adresse verwenden,
danach hat man ein paar Stunden auf die Freischaltung durch einen Moderator zu warten,
um dann die Kenntnisnahme der umfangreichen Forenregeln zu bestätigen,
wobei sich der entsprechende Button erst nach Ablauf eines Timers betätigen lässt.
Ein solchermaßen sinnlos aufwändiger Prozess, ein derart schlimmes wiederholtes “Was denn jetzt noch?”, dass man danach geradezu erleichtert und dankbar ist, dass einem Motivationsschreiben und Lebenslauf erspart blieben und nicht einmal eine DNA-Probe verlangt wird. Und immerhin wurde sogar mein Wegwerfpasswort auf Anhieb akzeptiert, was ja auch nicht selbstverständlich ist.
Natürlich war der ganze Aufwand überflüssig, denn auch dieses Forum ist schlecht. Zwar gibt es wie bereits erwähnt weit schlechtere, aber da kann ich meine Zeit doch anders weit angenehmer verschwenden. Zum Beispiel, indem ich mir selbst auf die Schulter klopfe und dabei bestätigend murmle, dass ich ja immer schon gesagt habe, dass Webforen nix taugen (Eigenlob, also am besten in der Sprache von Tersurus!).
Zum Abschluss, weil ich gerade dabei bin: Doctor Who lief ja zuerst von 1963 bis 1989, um dann 2005 fortgesetzt zu werden. Daher teilt sich die Zuschauerschaft grob in zwei Lager: Die, die schon die alten Folgen kannten, und die, die erst irgendwann ab 2005 eingestiegen sind. Gerade die Fans aus der ersten Gruppe fallen oft durch eine dermaßen penetrante Nöligkeit und beleidigtes Kritteln an echten oder eingebildeten Inkonsistenzen auf, dass man geradezu gezwungen ist, die von ihnen verachteten neuen Folgen in Webumfragen unangemessen gut zu bewerten.
Allerdings kann ich beweisen, dass man diese Leute gar nicht ernst nehmen darf: Offensichtlich kann nur jemand beurteilen, was echter Doctor Who ist, der jede einzelne der über 700 Folgen gesehen hat, denn jeder andere ist nur ein Möchtegern und ein Poseur. Doch jemand, der das wirklich tat, ist alt, und somit sowieso höchstwahrscheinlich unangemessen verbittert und griesgrämig, oder ein obsessiver Vollnerd, und die nehmen wir auch nicht ernst — qed (nun ja, was man halt so alles als Beweis bezeichnen kann, nicht wahr).
Anonymous, in letzter Zeit auch mal als edle Scientology-Gegner portraitiert (zur Erinnerung), hat sich ein neues nobles Ziel gesucht und ein Epileptiker-Forum mit blinkenden Bildern geflutet (mehr dazu bei Wired) — für die “LULZ”.
Nun oute ich mich zwar, um es in etwa in deren Worten zu sagen, als Moralspinnenexperte, aber das ist nun wirklich selbst beim allerbesten Willen nicht mehr lustig, und sollte allen chan-Claqueuren und Ich-bin-jetzt-auch-Anonymous-Hui-Flashmob-Mitläufern nicht nur ein wenig zu denken geben.
Und nebenbei ist sowas nicht nur Körperverletzung, sondern auch ziemlich uninspiriert; denn wenn man schon grieft, dann doch bitte in der Art der Second Life Safari-Piraten (Video) oder wenigstens mit fliegenden Penissen (Text, Video)!
In Wired-typischem Halbwissen wird zuerst 7chan als Heim der Verschwörer ausgemacht, ich würde da aber eher mal bei /i/ in not420chan (bzw. 711chan) nachsehen. Aber falls das jemand vorhaben sollte, denkt dran, dass die dort mal wieder auf besonders widerliche Hintergründe umgeschaltet haben…
Bah.
Die, die es kümmert, wissen es wohl schon: Joseph Weizenbaum ist tot.
Wieder einmal werde ich schmerzlich daran erinnert, dass ich seinen Vortrag in Kaiserslautern damals um lediglich rund zwei Jahre verpasst habe und später nie daran dachte, ihm mal nachzureisen, aber mehr noch betrübt mich, dass die meisten Informatikstudierenden noch nie von Weizenbaum gehört haben. Ich will nun nicht unterstellen, dass das daran liegt, dass viel zu viele ihr Studium unreflektiert herunterreissen um sich im Anschluss daran umgehend kritiklos in die Herde der Ingenieursbolzen und Technozombies einzureihen, statt gelegentlich einmal ein wenig differenzierter zu denken, doch ganz ausschließen kann ich es nicht.
Aber wer könnte es ihnen auch übel nehmen, schließlich ist die profundeste Frage zum Selbstbild der Informatik die, ob man nun Ingenieurs- oder Naturwissenschaft ist; und selbst diese wird meist nur gestellt, um ein wenig gegen die eigenen Minderwertigkeitskomplexe anzugehen (gut, dass man sich einig ist, wenigstens keine Geisteswissenschaft zu sein).
Weizenbaum war anders, und selbst wenn macher ihm Übertreibungen, eine simplifizierende Gesellschaftskritik oder ähnliches vorwerfen mag und jede seiner Thesen durch und durch ablehnt, so muss man ihm zumindest zugestehen, dass er weit reflektierter nachdachte als viele seiner Kollegen und von Grund auf ehrlich war. Als viele damals von seinem Programm ELIZA viel zu sehr beeindruckt waren und es in ihrer Ahnungslosigkeit weit überschätzten erschrak er, statt, wie viele andere es getan hätten und heute noch tun würden, laut “Jawoll! Und in zehn Jahren haben wir eine echte KI!” zu rufen und haufenweise Fördergelder einzusacken1; schon dafür gebührt ihm mein tiefster Respekt.
Ich finde, dass jeder Informatiker, der sich guten Gewissens als Akademiker bezeichnen will, zumindest einmal über Weizenbaums Thesen nachgedacht haben sollte, am besten bei der Lektüre seines Buchs Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft[2].
Ich schließe mit einer leichteren Note, meinem Dialog mit der oben verlinkten Instanz von ELIZA:
Eliza:>Hallo, ich bin Eliza. Erzähle mir von Deinem Problem…So kann man es natürlich auch ausdrücken.
Ich:> Joseph Weizenbaum ist tot.
Eliza:> Oh !
Fußnoten:
1 Ich verzichte an dieser Stelle auf eine kleine Abhandlung über den Unterschied zwischen KI-Scharlatanen, die wissen, welche falschen Versprechen sie machen, und Utopisten, die ihre hoffnungsvoll erwarteten Unmöglichkeiten wirklich glauben. Allerdings will ich klarstellen, dass es in der KI durchaus seriöse und ehrliche Wissenschaftler gibt, die die vorhandenen Probleme klar sehen und benennen, und außerdem kriegt man glücklicherweise nicht mehr für jeden gewagten, irrealen Plan Unsummen verschwendeter Mittel.
2 Kaiserslauterer Informatiker: Dieses Buch (und andere) stehen in der Informatik-Bibliothek, das ist das komische Ding über dem Bistro in Gebäude 36 (falls es das noch gibt), den Weg dort hin findet Ihr gewiss, im Notfall kann Euch jemand helfen.
Project Chanology, eine den nihilistischen Arschkrampen der *chan-Szene zugeschriebene Griefing-Flashmob-bla-Aktion im Gewand einer Demonstration gegen die doch reichlich überschätzten Scientologen, fiel außerhalb des Internets nur wenig auf.
Dennoch kommt es immer noch zu übertrieben euphorischen Reaktionen wie der von Charles Stross (SF-Autor):
And it’s not just some oddball hackers in a basement somewhere; the demonstrations in meatspace around the world are a quite impressive example of delocalized transnational internet-mediated political action that has got to be scaring the living daylights out of any number of insecure and/or corrupt politicians.Darauf antwortet man am besten mit der nüchterneren Perspektive von Jeffrey Rowland (Webcomic-Autor und Philosoph):

Hoffen wir mal, dass Stross das nicht ernst gemeint hat. Die Verwendung des Begriffs Arschkrampen weiter oben erfolgt übrigens mit größtem Respekt, denn auch wenn im Schutze der Anonymität grässliche Monster entstehen, so wächst auf diesem Misthaufen doch die eine oder andere Rose, wie zum Beispiel die LOLCATs.
Beginnen wir mit einer Buchempfehlung. In meinem perfekten Staat wäre jeder, der sich ernsthaft und ohne nachgewiesene tiefere Kenntnisse der mathematischen Logik auf Gödels Unvollständigkeitssatz beruft, verpflichtet, Torkel Franzéns Gödel´s Theorem – An Incomplete Guide to Its Use and Abuse gelesen zu haben. Statt viele Worte darüber zu verlieren verweise ich einfach auf die sehr gelungenen Texte von d.l.g. und Luca Aceto. Ich weiß nicht, ob ich d.l.g. zustimme, dass Lesende ohne Vorkenntnis keine Chance haben, diese Anleitung zu verstehen; aber für die meisten dürfte der grobe Eindruck, den dieses Buch allemal vermitteln kann, sowieso genug sein. Die erbarmungslos exakten Details holt man sich nötigenfalls aus einem “richtigen” Fachbuch.
Ein sehr schönes Werk, sehr schön geschrieben — empfehlenswert. Halt nur auf Englisch erschienen, aber das schreckt Euch nicht, werte schweigende Massen, nicht wahr? Und wo wir schon dabei sind betrachten wir doch am besten auch gleich eine der viel zu häufigen missbräuchlichen Verwendungen von Gödels Unvollständigkeitssatz. Der folgende Text stammt von Benutzer Sempre Crescendo aus jenem Posting beim Forum von kath.net:
Man darf von Evolutionsverfechtern die Vorlage eines wissenschaftlichen Modells verlangen, das zeigt, dass Evolution möglich ist. Ein solches Modell würde ein formales System beschreiben, in dem Evolution stattfinden kann. Nun folgt aber mit Kurt Gödel (*), dass ein solches formales System immer gewissen Mathematikern unterlegen ist, die im Gegensatz zu jedem formalen System in der Lage sind, gewisse Halteprobleme zu lösen. Demnach könnte eine naturwissenschaftliche Evolutionstheorie eine Evolution vom Einzeller über den Affen zum Menschen möglicherweise einmal theoretisch darstellen. Dabei würde aber mindestens eine gewisse Klasse von Mathematikern immer ausgeschlossen bleiben. Solche Mathematiker sind existent und sie können in keiner naturwissenschaftlich sinnvoll beschreibbaren Evolution entstanden sein.Nun, wie könnte man dagegen argumentieren, wenn man in Foren diskutierte (was ich bekanntermaßen nicht tue, ganz besonders nicht bei diesem Forum, bei dem man beim Anmelden ein Motivationsschreiben verfassen muss)?Sieht jemand Einwände?
Gruß
Sempre Crescendo(*) Lucas-Penrose-Argument: Sei T eine Turingmaschine, die die Fähigkeiten eines Mathematikers M repräsentiert. Dann lässt sich unter Anwendung der Technik Gödels ein Satz konstruieren, den M beweisen kann, T aber nicht. Das widerspricht der Aussage, T repräsentiere M. Daher ist der Geist eines Mathematikers nicht durch ein formales System darstellbar.
Erst einmal ist das ganze kein Beweis, sondern allenfalls eine Beweisidee; bevor die gemeinte Bedeutung von “Evolution”, “beschreiben”, “unterlegen” und “Mathematiker” exakt definiert wurden, kann man mit damit nichts anfangen, solange ist das von der mathematischen Aussage her nichts wert. Hier werden auch die Probleme liegen, die das einen Beweis der Behauptung schwer oder gar unmöglich machen dürften. Doch auch die Verwendung von Lucas und Penrose (übrigens beide in Franzéns Buch vertreten und widerlegt, soweit dies bei ihrer Schwammigkeit möglich ist) ist nicht einmal skizzenhaft; so überzeugt das nicht, so ist das nicht ausführlich genug. Drittens, und das ist ein Problem, das Lucas und Penrose nicht haben, spielt bei der Evolution noch die Endlichkeit der beschriebenen Prozesse eine Rolle. Dadurch, dass alle von einer Evolutionstheorie beschriebenen Akteure nur endlich lange leben, muss jeder Versuch einer “Gödelisierung” in diesem Kontext fehlschlagen, was die ganze Argumentationslinie müßig macht.
Sieht jemand Einwände gegen die Einwände?
Abgesehen liegt diesem Ansatz natürlich eine sehr mathematiklastige Vorstellung von Wissenschaftlichkeit zugrunde, die die meisten Naturwissenschaftler nicht teilen dürften und die selbst mir als Freund der Mathematisierung wehrloser Wissenschaften recht unpraktikabel scheint.
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Comments
Sat, 06.09.2008 10:26
Und deswegen, Günther, wirst Du nie ein Rap-Ex-Superstar werden können! Aber wir haben ja eh schon festgelegt, was für [...]
Sat, 06.09.2008 10:24
Wer Millionen von jugendlichen Fans mobilisieren kann schert sich nicht darum, ob es nun der, die oder das Blog, Vlog [...]
Sat, 06.09.2008 10:19
Ich erwarte inzwischen auch von Entertainern tiefgründigere Betrachtungen. Spätestens seit Paris Hiltons Energiepolitik [...]
Sat, 06.09.2008 10:19
Abgesehen davon, dass das im Prinzip stimmt: Tornado, nicht Eurofighter. Der Eurofighter ist eigentlich für alles zu [...]
Wed, 03.09.2008 19:19
Alaska? C’mon… Und warum hat dem guten Sean niemand gesagt, daß er eigentlich ein Vlog führt? Zeit für nerd rage.